Seltsamerweise entzündet sich mein Bedürfnis, (wieder) einen Aufsatz über die Eurythmie zu schreiben, indem ich gerade einen Artikel über die Gravitation und Relativitätstheorie studiere. Weiß Gott, woher dieser Drang kommt. Eines ist mittlerweile klar: Was uns umbringt, ist unser Wortdenken . Wir tun so, als hätten wir eine Sache schon dann verstanden, wenn diese sich einigermaßen problemlos und unverkrampft in unser schon vorhandenes Ordnungsgefüge einpassen und unterbringen lässt. Die Frage aber nach der grundsätzlichen Gültigkeit dieses inneren Archivkellers stellen die allerwenigsten. Das ist fatal!
Ich komme zu dieser Einsicht nach nun über dreißig Jahren eurythmischer Tätigkeit und einer gegenwärtigen Bilanzierung in der Arbeit mit Menschen, die im engeren und weiteren Sinne mit der Eurythmie in irgend einem Zusammenhang stehen.
Ein komplexes Problem zu verstehen, ist eines, ein anders, dieses Problem kurz, knapp und bündig in Worte zu fassen, ohne missverstanden zu werden oder sich in Details hoffnungslos zu verstricken. Eine Verstrickung muss allerdings auch nicht zwangsläufig von Übel sein, wenn dann ein brauchbares Hemd dabei herauskommt. Ich überlasse mich meinem Schreibinstinkt...
Die Bewegungskunst, die sich selber Eurythmie nennt, hat seit dem ca. 90-jährigen Bestehen vor einem kultivierten, kunstinteressierten Publikum keine gesellschaftliche Relevanz gewinnen können. Der allergrößte Teil der Jugendlichen (Schule, so ab dem 11. oder 12. Lebensjahr!) findet es oft einfach langweilig oder auch nur noch lächerlich, diesen Unterrichten beizuwohnen, in denen sie manchmal über Jahre hin nicht wissen, was sie eigentlich tun. Ich behaupte hier, dass diese Eurythmie, so wie sie sich über Jahrzehnte verstanden hat (bitte: inclusive mir!) und in weiten Bereichen immer noch versteht, als Unterrichtsfach an den Schulen vor dem Forum dieser jungen Menschen verloren hat.
Ich behaupte weiterhin, dass der Grund für diesen pädagogischen wie gesellschaftlichen Bankrott wir sind, die wir die sogenannte Eurythmie studiert haben, mit ihr leben und sie „in der Welt" vertreten.
Was ist Eurythmie?
...schade, das hättest Du mich vor zwanzig Jahren fragen sollen. Ich hätte Dir dann schon die passenden Antworten präsentiert. Ich wäre sogar in der Lage gewesen, obwohl Bewegung eigentlich gar nicht Dein Ding ist, Dir gehörig den Mund für eine Ausbildung wässerig zu machen.
Im Augenblick bin ich bestürzt über meine unsägliche Sicherheit dazumal. Ich beschreibe meine Position aus dieser Vergangenheit mit den Worten: einfältig, kurzschlüssig, gnadenlos naiv.
Was ist Eurythmie?
Ein paar Fragen zurück. Was ist „anthroposophische Medizin"? Was ist Waldorfpädagogik? Was ist Goetheanismus? Was ist ... ? Man lese, um dieses Beispiel zu nehmen, Rudolf Steiners „Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften", man lese diese Aufsätze zweimal, fünfmal (das wären dann addiert immerhin rund 1350 Seiten), sie zwischenzeitlich an die Wand zu pfeffern ist gestattet. Was nämlich übrig bleibt am Ende dieser Lektüre ist eine Totalüberforderung meines jetzigen gedanklichen status quo, ist die Gewissheit, dass nur das Ende meiner bürgerlichen scheinspirituellen Existenz ein Weiterkommen ermöglicht.
Für mich ist es mittlerweile geradezu grotesk, mit was für einer flockigen Leichte und Selbstverständlichkeit im Namen Goethes, des Goetheanismus und der Anthroposophie „in unseren Kreisen" immer wieder das Blaue vom Himmel beschrieben und erklärt wird, auf Tagungen, Seminaren und weiß Gott, wo. Als seinwollender Anthroposoph kann ich heute auch gut ohne diese seminaristischen Lektionen leben.
Goethe, ein Mensch wie Du und ich ... aber doch schon, ja, ein Genie...
Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass Goethe von mir aus alles mögliche ist,
nur nicht das, was ich mir gemeinhin unter ihm vorzustellen pflegte. Vor Goethe
stehen heißt, die Bereitschaft an den Tag zu legen, dass einem so gut wie alles
genommen wird, was man im Laufe seines bescheidenen Lebens zur Gründung und
Stabilisierung der Existenz benötigte.
Was ist Eurythmie?
Gemach, schnelle Antworten machen mittlerweile misstrauisch. Ich würde auch hier erst einmal sagen: Sie ist alles mögliche, nur nicht das, was man sich im allgemeinen unter ihr vorstellt. Ich habe einfach keine Lust mehr, als Produzent für die Inhalte der Denkschubladen anderer zu fungieren. Es ist schwer genug, die eigenen auszumisten...
Eines ist klar, unser Wortdenken bringt uns um, und mit uns die Welt, in der wir leben.
Die Frage nach der Eurythmie ist bei genauerer Betrachtung genau so tölpelhaft und kurzsichtig, wie oft die Antworten, die, geistreich oder geistbedürftig, durch diese Frage provoziert werden.
Eine andere Frage ist viel wichtiger: Was hat sich eigentlich damals 1883 abgespielt, als so ein junger Spund namens Rudolf Steiner begann, gerade mal 23 Jahre alt, seine Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften zu veröffentlichen, dann 11 Jahre später eine „Philosophie der Freiheit" in die Welt setzt, die die Fachwelt vielleicht verstanden hätte, aber nicht wollte, und diejenigen, die sie gewollt haben, nicht verstanden? (Bis heute!)
Mit was für einer Tradition wurde hier eigentlich gebrochen? Zwei Jahrtausende gehen da den Bach herunter. Man kann sagen: Seit Goethe ist nichts, aber auch gar nichts mehr, wie es war! Wenn wir etwas verhältnismäßig schnell begreifen können in der Beschäftigung mit Goethe (vorausgesetzt, wir lassen unser bepudertes Goethe-Bild von Steiner entrümpeln), so ist es dieses: Nichts ist seitdem mehr, wie es war!
Alle Begriffe wie „Welt", „Gott", „Kunst", „Ich", „Wissenschaft", „Geist" usw.
entpuppen sich angesichts dieses Ereignisses als philosophoide Sprechblasen,
ohne Relevanz, ohne Gravitation und Folgenschwere.
R. Steiner: „
Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Wer eine absolute Wahrheit
verlangt, versteht sich selbst nicht." „Die menschliche Innenwelt ist das
Innere der Natur"
(Kommentare zu Goethes „Sprüche in Prosa").
So hat noch nie ein Mensch jemals gesprochen!
„Was die Philosophen das Absolute, das ewige Sein, den Weltengrund, was die
Religionen Gott nennen, das nennen wir die Ideen..." und so weiter...
Dass ein Mensch, der solche Aussagen trifft, so viele Jahre überlebt hat,
wundert mich immer noch. Diese Aussagen sind so ungeheuerlich, dass sie sich
als entsicherte Handgranaten wohl vor dem Forum akademischer intellektueller
Einfalt aus noch ungeklärten Gründen von selber entschärfen. Anders kann ich
mir den lächerlich kurzen geschichtlichen Verlauf seit der veröffentlichten
Goethe-Steiner-Begegnung und dem tragischen Misserfolg ihrer Konsequenz bis
heute sonst nicht erklären.
Wer bereit ist und den Mut hat (ja, es gehört verdammtnochmal Mut dazu), dieser
Begegnung über etwas längere Zeit beizuwohnen, steht im Angesicht der
Obduktion
eines zweitausendjährigen Bewusstseinsleichnams als dessen Miteigner ich mich
einerseits erkenne und einer Quelle neuen Lebens, von der ich mich auf der
anderen Seite so weit als nur irgend möglich entfernt erlebe.
Was ich aber erkenne im Laufe der Zeit (und lass es ein Leben dauern), ist die
Tatsache, dass wenn ich diesen Focus jemals wieder aus den Augen verliere, ich
kein
Recht mehr habe und
keinen
Grund, auch nur irgend einen anthroposophisch
geisteswissenschaftlichen Piepser von mir zu geben.
Was ich erkenne ist: Die Anthroposophie (und die Eurythmie!) ist ohne diesen
Brennpunkt schlichtweg nicht möglich!
Was ich weiterhin erkenne und bestürzt wahrnehme ist, dass ein Großteil der
anthroposophischen und eurythmischen Freunde und Freundinnen an diesem
Brennpunkt nicht haarscharf, schön wärs, sondern weitab mit vollem Gas und
Karacho in hellen Scharen vorbeirauschen.
Das ist eine Tragödie!
Wenn einem aufgegeben ist, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, so
tut man gut daran, dieser Aufgabe erst einmal in gröbsten Zügen gerecht zu
werden.
Ich trenne folgendermaßen: Wesentlich ist die
Goethe-Steiner-Jahrtausendbegegnung mit ihrer „Philosophie der Freiheit" als
Konsequenz und die Zeit, sagen wir einfach mal bis 1910. Unwesentlich sind die
Jahre, die danach folgen.
Ich will damit sagen: Und hätte Rudolf Steiner neben der Erneuerung der
Heilkunst, der Pädagogik, des Priesterberufes, der Landwirtschaft, der
Architektur und was auch immer noch eine Erneuerung der Energiewirtschaft, des
Bergbaus, des Segelfliegens, der Filmkunst, des Straßenbaus und von mir aus
auch eine Erneuerung der Tanzkunst geschaffen...
- Was soll's?
Wer nicht die Bereitschaft an den Tag legt, sich mit diesem Zentralereignis
einer „Philosophie der Freiheit" und ihren unabsehbaren Folgen nach vorne wie
nach hinten auseinanderzusetzen, der wird gnadenlos und unweigerlich, weil
folgerichtig, in seinem Aktionismus an den Rand des anthroposophischen
Spiralnebels gespült. Er geht dann mit energetischen Feldern um, die immer nur
partiell seinem Tätigkeitsumfeld eigen sind, nie aber wirklich in ihm zentral
verankert.
Das ist so klar, wie nur irgendetwas klar sein kann.
Ich will es anders sagen: Die
Inhalte
, die sich aus der Zeit ungefähr ab 1910
geisteswissenschaftlich ergeben, sind
akademisch
, zumindest in der Art, wie es
jahrzehntelang geschehen ist,
nicht transportierbar
! Sie werden ohne das
Okkular des oben beschriebenen Brennpunktes ab irgendeinem Zeitpunkt anämisch,
schwach und farblos, so wie ein abgerissenes Blütenblatt nach irgendeiner Zeit
schwach und labberig aus der Vase hängt.
Was ist Eurythmie?
So wie sie sich über Jahrzehnte dargestellt hat würde ich jetzt sagen, sie ist gewissermaßen das Paradebeispiel für diesen misslungenen Transport. In dem gut gemeinten Versuch, die „Ausbildung zur Eurythmie" vielerorts zu etablieren, sah man sich, es ist klar, genötigt, auf die eurythmischen Inhalte sagen wir 1912 bis 1925 zurückzugehen und diese auch zentral im Ausbildungszusammenhang zu verankern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was sollte man sonst auch tun? Unbedingt falsch ist es ja nicht! Doch war so gut wie niemand da, der vielleicht hätte sagen können, wie trügerisch und riskant dieses Glatteis ist, auf dem man sich bewegt, und dass die inhaltlichen Übernahmen vor allem des Vortragswerks R. Steiners ungefiltert , will sagen ohne das weltumstürzende sogenannte „Frühwerk" Steiners, nichts anderes als heillose Konsequenzen nach sich zieht. Die Beschäftigung mit dem „Frühwerk" Steiners war für ganz viele höchstens eine Art Alibiveranstaltung, mit der sie dann ihre eigentliche „esoterische Arbeit" zu rechtfertigen suchten; und dieses ganz besonders bei den Eurythmisten! Überlassen wir die „Kopfarbeit" unseren Hofphilosophen und halten uns den Rücken frei für die „Kunst".
Damit war das Terrain für viele Tanten in luzifero und etliche Onkels in ahrimani im Groben abgesteckt. Eine solche kritische Masse, einmal in Gang gebracht, ist so schnell nicht aufzuhalten.
Jetzt hat die Eurythmie in dem Reigen der anthroposophischen Erneuerungen sicherlich ganz schlechte Karten, das muss man ihr zugestehen. Denn nirgends, wirklich nirgends ist Rezeption und Aktion so eng beieinander, wie gerade dann, wenn ich genötigt bin, mich auch noch künstlerisch zu bewegen . Denn alles „outet" sich hier auf einen Schlag. Hier kannst Du Dich nicht verstecken und das Eine oder Andere vielleicht doch noch vorsichtshalber kaschieren wollen! Will sagen: Gerade an der Eurythmie wird symptomatisch am deutlichsten sichtbar, was geschieht (weil sie in Gänze auf anthroposophischem Boden erwachsen ist), wenn in Ausbildungszusammenhängen die Sachlage, sprich die Quelle meines Tuns, nicht genügend problematisiert wird.
Was ist Eurythmie?
Sie ist nicht die Übernahme der esoterischen Bewegungsinhalte von 1912 bis 1925. Ich gehe sogar soweit und sage, dass sie in dieser Zeit überhaupt nicht zu finden ist, wenn nicht mit ihrer Quelle klar und messerscharf ein Ort beschrieben wird, und der heißt -- In mir!
Angesichts aber der oben beschriebenen Obduktion wird dieses „In mir" zu einem ungeheuren Problem. Ich erkenne nämlich, sozusagen im Beisein der Goethe-Steiner-Begegnung, dass dieses „ In mir " nichts als ein grandioser Schwindel und Selbstbetrug ohne gleichen ist und mir unbequemerweise gar nichts anderes übrig bleibt, als nach diesem In mir erst einmal zu suchen, will ich den Verstand nicht verlieren.
Daraus entsteht aber eine in keinster Weise zu unterschätzende Dynamik. Um den misslungenen Eurythmietransport noch von einer weiteren Seite zu beschreiben: Ich kann nicht auf ein nur nebulos verstandenes „In mir" (das schlichtweg noch gar nicht existiert) Elemente packen, die esoterischerseits sagen wir die Verwandlung des Äther- und Astralleibes zum Inhalt haben. Das geht nicht gut, und es ist auch nicht gut gegangen. Im Umgang mit ihnen strampele ich dann wie ein Fisch auf dem Trockenen, und gebe, das ist das geringste Problem, eine Peinlichkeit nach der anderen zum besten. Psychlogisch gesprochen stopfe ich mich voll mit unverarbeiteten Introjektionen, um diese dann an allen Ecken und Enden und in allen schillernden Variationen hoffnungsfroh zu kompensieren. Ich gehe fortgesetzt mit Inhalten um, für die ich einfach zu klein bin und die mir auch gar nicht gehören. Derb gesprochen und mit Wolf Biermann „reite ich dabei auf einem fremden Arsch durchs Feuer" und merke es (aus eben diesem Grunde) nicht einmal.
Mein Gott, wo, liebe Leserin, lieber Leser sind wir eigentlich authentisch?
Authentisch sein heißt, den ganzen Krempel beiseite schaffen, der nicht mir
gehört. Und dabei kommt eine ganze Menge zusammen! Das ist wie beim armen Peer
Gynt, der sich gleich einer Zwiebel pellt, und betroffen dahinterkommen muss,
dass eigentlich nichts übrig bleibt. Spätestens hier bleibt uns doch gar nichts
anderes mehr, als auf die Suche zu gehen. Vielleicht sind wir aber auch
genau
hier
im Beisein dieser seltsamen Begegnung zwischen Goethe und Rudolf Steiner?
Für mich beginnt die sogenannte Eurythmie erst seit den letzten Jahren, wo
einige mutige junge Künstlerinnen und Künstler die Versuche wagen, wirklich
aus
sich heraus
in kreative, meinetwegen auch schöpferische Bewegungsansätze zu
kommen. Dass man dabei in seinem Zick-Zack-Stich immer wieder Grenzerfahrungen
machen muss und die Stoffkanten verlässt, bleibt doch gar nicht aus, und das
ist auch gut so. Und überhaupt: Wer steckt denn diese Grenze? Niemand, wirklich
niemand! Es gibt nur eine Grenze, und das ist die, die ich mir
selber
stecke,
und für die auch
nur ich
verantwortlich bin. Und wenn jemand sich entsprechend
äußert, dass er oder sie sich Sorgen um den Fortbestand der Eurythmie mache, so
soll er oder sie doch erst einmal sagen, was er oder sie darunter versteht.
Zweitens soll doch keiner behaupten: „Das ist Eurythmie, das ist keine
Eurythmie." Solche Äußerungen sind für mich mittlerweile unterhalb des
Intelligenzniveaus und signifikante Merkmale dieses misslungenen Transports.
Was ist Eurythmie?
Eurythmie ist schlicht die Bewegungskunst eines ganz konkreten Menschen, der weiß oder ahnt, dass es noch andere Räume gibt, als die plump wahrgenommenen, und dass diese Räume nur in einem zentralen Identifikationsprozess zu realisieren und zu gestalten sind, und die auch nur ihn, indem er sie sichtbar macht, ganz intim etwas angehen. Was er dabei für die „Welt" leistet, ist noch einmal ein ganz eigenes Thema. Und so hat jeder seinen künstlerischen, schöpferischen Weg vor sich. Gott sei Dank! („ Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß' ich's Wahrheit ..." Goethe, Punkt.) Wieder so ein Satz (allerdings durch Steiner in das ihm gebührende Licht gerückt), der ganze Generationen fällen wird, wenn man ihn nicht geflissentlich und leichtfüßig überließt. (Wie sehr er überlesen wurde, konnte man im Goethejubiläumsjahr erst kürzlich in Erfahrung bringen.) Selbstverständlich beinhaltet dieser goethesche Satz die gesamte Ton- und Lauteurythmie. Man höre mir doch auf, von all den „geistigen Gesetzlichkeiten" und „objektiven spirituellen und seelischen Bewegungszusammenhängen" zu sprechen. Das soll einer tun - nämlich Rudolf Steiner. „Objekt" und „Subjekt" habe ich spätestens im Vorfeld der „Philosophie der Freiheit" ablegen müssen, da diese erst dramatischerweise „von des Denkens Gnaden" ihr Leben erhalten. Sollen doch diejenigen, die ewig auf der Suche sind nach den „objektiven geistigen Zusammenhängen", und diese dann zwecks Vertiefung der Eurythmie nach außen tragen, sich mit ihren eigenen Federn schmücken. Der neuen, von Rudolf Steiner inaugurierten Bewegungskunst kommen sie nach meinem Dafürhalten um keinen Deut näher. Sie kommen es deswegen nicht, weil sie immer wieder Prozesse, die nur individuell anzugehen und zu realisieren sind, „objektiv" zu akademisieren versuchen.
Als ich vergangenes Jahr das internationale Tanzfestival in Wien besuchte,
hatte man über viele Tage die ganze Palette von Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten in Form von Workshops, kleineren und größeren Aufführungen vor
sich. Was man aber wahrnahm, war ein Knistern in allen Winkeln, und dieses
Knistern roch nach Ende und Aufbruch. Diese Aufbruchstimmung durchzieht aber
auch schon die gesamte Tanzszene des 20. Jahrhunderts. Man kann sagen, dass der
Tanz sich mindestens schon drei mal von sich selber emanzipiert hat (Nijinski,
Balanchine, Cunningham...). Und die Suche geht weiter. Man konnte auf diesem
Fastival großartige Menschen treffen und bisweilen habe ich mich selten so
„eurythmisch" gefühlt, wie da, aber auch so einsam. Man konnte es fast mit
Händen greifen, wie groß bei einigen die Sehnsucht nach neuen Räumen und
Gestaltungsebenen ist, und wie wenig konkret disbezüglich vorliegt. Ich hatte
immer mal wieder das Gefühl, dass unsere Zeit, unser Jahrhundert diese neue
Bewegungskunst, nennen wir sie Eurythmie, braucht, wie der Säugling die
Muttermilch. Besonders bestürzt und betroffen hat mich die großartige
Aufführung „In Real Time", in der die belgische Choreographin Anne Teresa de
Keersmaeker mit ihrer Tanzgruppe zusammen mit einem Schauspiel- und einem
Jazzensemble (Aka Moon), zwischenmenschliche Beziehungen und Prozesse
darzustellen versuchte. Wer es gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Das Ende
der Aufführung war dann die Frage an das Publikum: „Und jetzt? Wie soll es
weitergenhen?" Alles offen, wir wissen den Weg nicht...
Kunst lebt immer im „Dazwischen". Oder: Lebe ich im „Dazwischen", in
Verhältniszusammenhängen, ist potentiell Kunst möglich.
Wenn ich mir noch einmal die Wiener Tanzszene des vergangenen Jahres vor Augen
führe, so sehe ich, wenn man die Dinge zusammenhält, wie der Mensch,
gewissermaßen nach allen Regeln der gegenwärtigen Kunst, in seiner Bewegung in
alle ungeregelten Richtungen auseinanderbricht; krasser geht es kaum, und man
muss schon gewaltige Bohnen in den Ohren haben, um den Ruf, den Schrei nach
einer neuen Gestaltungsebene, einer neuen Quelle der Bewegung und der
Identifikation zu überhören.
Liebe Eurythmistinnen, liebe Eurythmisten, warum packt Ihr nicht Eure sieben Sache und geht mit offenen Augen in diese Welt hinaus? Sie braucht Euch, dringend! Sie braucht aber ganz bestimmt nicht diesen traditionalistischen, anthroposophisch konservierten Dunst, der säckeweise herumgereicht wird, sondern was sie braucht ist - Authentizität, ganz einfach Authentizität, Menschen, die offenkundig und für alle durchschaubar auf der Suche nach einem neuen und lebendigen Bewegungsquell sind.
Ich bin überzeugt, wir bedürfen einer Neubegründung der Eurythmie.
Einmal, weil ihr die esoterische Vergangenheit in Form der oben beschriebenen
akademisierten Transportschäden bleischwer auf der Seele liegt (Vielleicht
braucht sie einen neuen Namen? Aber was sind schon Namen?). Das wäre so eine
Art historische Neubegründung. Zum anderen, weil jede wirkliche aus der
Persönlichkeit, aus dem Individuum hervorgehende Gestaltung nie die
Reproduktion oder Kopie eines schon mal dagewesenen sein kann, sondern immer
wieder neu und originär zur Erscheinung kommt, und daher jeder kreative Akt
eine Neubegründung bedeutet. Das wäre die immer wiederkehrende tägliche,
stündliche, individuelle Neubegründung. Diese Akte sind über Jahrzehnte in der
eurythmischen Entwicklung aufgrund ihres Selbstverständnisses (oder des
Selbstverständnisses gar nicht mal so vieler Einzelner) unterdrückt und
verunmöglicht worden.
Warum, so frage ich, „rationalisieren" wir diese Beurteilungsinstanzen nicht
einfach weg? Andere können das auch. Gibt es irrationaleres, als in der Kunst
gesagt zu bekommen, was ich zu tun habe und was nicht? Ich persönlich habe
besagte Rationalisierungsmaßnahme schon vor langer Zeit vollzogen.
Peter Specht, Juli 2001
Zur Person:
* 1951, seit 1971 Eurythmieausbildung Berlin/Stuttgart, dort 2 1/2 Jahre in der
Bühnen-arbeit tätig, seit 16 Jahren Lehrer an der
Rudolf-Steiner-Schule
Wuppertal in den Fächern Eurythmie u. Technologie/Informatik. 1979-1984
Dozent
in der Eurythmieausbildung Witten-Annen, dazumal auch Dozent für Eurythmie
im
Studium fundamentale der Universität Witten-Herdecke. Seit 10 Jahren
Dozent für
Eurythmie in der Krankenpflegeausbildung am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke.
Zu erreichen unter der Adresse: Peter Specht 58456 Witten, Meesmannstr. 15